Auszüge aus unserem letzten Heimatblatt

 

„Die zwei Seiten des Gitters“

Dies ist der übersetzte Titel eines Buches (Dwie strony krat), das mir unser Heimatkreisvertreter, Günther Wittrin, bei dem letzten Heimatkreistreffen übergeben hat, mit der Bitte, es für ihn zu lesen, da es in Polnisch geschrieben ist. Es wurde 2003 in Danzig herausgegeben. Sein Autor ist Waldemar Kowalski. Er hat die Geschichte des ehemaligen Strafgefängnisses und der Untersuchungshaftanstalt Danzig, Schießstange 12-14, untersucht und aufgeschrieben.

Neben einer sorgfältig recherchierten Geschichte, nebst vieler dokumentarischer Fotografien, sind darin auch die Todeslisten von 1945 abgedruckt, in denen der Name Alfons Wittrin unter der Datierung 27-31. Juli 45 erscheint. Es handelt sich um den Vater von Günther Wittrin, und er hoffte, in dem Buch etwas über die näheren Umstände seines Aufenthaltes und des Todes seines Vaters zu erfahren.

Es handelt sich in der Tat um einen vergessenen Komplex in der Vor- und Nachkriegsgeschichte, die hier erzählt wird, speziell aber um die Kriegsjahre in der Freien Stadt Danzig.

Es folgt ein stark komprimierter Überblick:

Das Danziger Gefängnis an der Schießstange (heute ulica Kurkowa) war zu Zeiten Friedrich Wilhelms der Schießplatz der Schützengesellschaft gewesen; später dann Ballsaal, Konzerthaus, wo „Ja, damals“ berühmte Künstler aufgetreten sind. Die Gefängnisanlage entstand bereits in Neugarten in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts; ein Dekret darüber von 1851 bestätigt dieses. Das Gefängnis weitete

sich aus und beinhaltete um 1900 - 03 bereits tausend Ein-Personen-Zellen.

 

Kowalski beschreibt die Ereignisse des Ausbruchs des 2. Weltkrieges im September 1939, als die Nazi - SS die Verwaltung des Gefängnisses übernahm; von den 4500 polnischen Gefangenen wurden an der Schießstange 800 festgesetzt. Natürlich schildert der Autor sehr ausführlich die Ereignisse aus der Sicht der überlebenden polnischen Gefangenen, und er erzählt auch, dass hier z.B. zwei hohe polnische Militärs 1917 eingesessen haben: Józef Pilsudski und Kazimierz Sosnowski.

   Alfons Wittrin

Indessen konzentriert Kowalski seine Suche nach Zeugen und Zeugnissen auf den Zeitabschnitt 1945 bis 1956. Und er schaut auf die „beiden Seiten des Gitters“; hier die Gefangenen, dort die Funktionäre, und, wie schnell man von der einen auf die andere Seite gelangen konnte! Es geht um die Guten und die Bösen, die Schuldigen und die Unschuldigen, solche, die durch reinen Zufall hier gelandet waren und andere, die wegen ihres Glaubens, ihrer politischen Ansichten hier eingesessen haben.

Es sind vornehmlich polnische Überlebende des Gefängnisses, die von den unbeschreiblichen Zuständen und Grausamkeiten erzählen.

 

Aus diesem Gefängnis wurden zahlreiche Gefangene in die Wälder von Piasnitz bei Neustadt zur Ermordung gebracht. Auch die letzten Tage der Verteidiger in der Polnischen Post in Danzig werden geschildert, deren Überlebende in das Gefängnis an der Schießstange gebracht wurden.

 

Während des 2. Weltkrieges waren insgesamt 29 000 Personen, Männer, Frauen, Jugendliche und Kinder verschiedener Nationalitäten unter schlimmen Bedingungen in den stets überfüllten Anstalten gefangen gehalten. In den Jahren 1945 - 46 waren es fast ausschließlich deutsche Gefangene. Die Sterberate unter ihnen war extrem hoch, ausgelöst durch ansteckende Krankheiten (Typhus), die sich sehr schnell in der herrschenden Enge, in den furchtbarsten hygienischen Verhältnissen ausbreiteten (verschmutzt, verlaust, ohne Wäschewechsel, ohne Waschmöglichkeiten, ohne sanitär-ärztliche Versorgung).  Die Gebäude waren unter Kriegseinwirkung stark beschädigt; sie wurden mangels Materials nicht ausgebessert. Hohe sommerliche Temperaturen 1945 trugen dazu bei, dass die Sterberate im Juli hoch anstieg.

 

Übrigens saßen  in dem Gefängnis Schießstange auch der gefangen genommene Gauleiter der Stadt Danzig, Albert Forster ein, und Bischof Karl Splett, der hier verurteilt wurde.

Das Thema dieses Buches bereitet besondere Schwierigkeiten wegen „der Last der Realität“, die fast zu erdrückend ist, um sie zu schultern, wie Czeslaw Milosz sagt.

 

Abschließend sei noch vermerkt, dass der Autor Waldemar Kowalski in seinem Buch nicht versucht hat, eine Abrechnung (oder Aufrechnung der Schuld) vorzunehmen. Es ist vielmehr „ein trauerndes Requiem“, als das es dienen möchte, in der Niederschrift und in der mitfühlenden Erinnerung an die Opfer. Aber auch eine Erinnerung an eine Welt, die zusammen mit dem Ende des großen Krieges für immer – hoffentlich – abgetreten ist.

 

Eine Erinnerung der Menschen an ihre Nächsten, die ihre Väter, Söhne, Ehemänner hier verloren haben. Und mit dieser mitfühlenden Erinnerung wurden die vergangenen Gestalten gerettet. Unter ihnen Alfons Wittrin.

 

Barbara Heibutzki

Nachschrift: Falls einer unserer Leser ebenfalls jemanden sucht, kann er Einblick in die Todeslisten nehmen; bitte melden bei Günther Wittrin, dem das Buch vorliegt.

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