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Indessen konzentriert
Kowalski seine Suche nach Zeugen und Zeugnissen auf den Zeitabschnitt
1945 bis 1956. Und er schaut auf die „beiden Seiten des Gitters“;
hier die Gefangenen, dort die Funktionäre, und, wie schnell man von der
einen auf die andere Seite gelangen konnte! Es geht um die Guten und die
Bösen, die Schuldigen und die Unschuldigen, solche, die durch reinen
Zufall hier gelandet waren und andere, die wegen ihres Glaubens, ihrer
politischen Ansichten hier eingesessen haben.
Es sind vornehmlich
polnische Überlebende des Gefängnisses, die von den unbeschreiblichen
Zuständen und Grausamkeiten erzählen.
Aus diesem Gefängnis
wurden zahlreiche Gefangene in die Wälder von Piasnitz bei Neustadt zur
Ermordung gebracht. Auch die letzten Tage der Verteidiger in der
Polnischen Post in Danzig werden geschildert, deren Überlebende in das
Gefängnis an der Schießstange gebracht wurden.
Während des 2. Weltkrieges waren insgesamt 29 000 Personen, Männer,
Frauen, Jugendliche und Kinder verschiedener Nationalitäten unter
schlimmen Bedingungen in den stets überfüllten Anstalten gefangen
gehalten. In den Jahren 1945 - 46 waren es fast ausschließlich deutsche
Gefangene. Die Sterberate unter ihnen war extrem hoch, ausgelöst durch
ansteckende Krankheiten (Typhus), die sich sehr schnell in der
herrschenden Enge, in den furchtbarsten hygienischen Verhältnissen
ausbreiteten (verschmutzt, verlaust, ohne Wäschewechsel, ohne Waschmöglichkeiten,
ohne sanitär-ärztliche Versorgung).
Die Gebäude waren unter Kriegseinwirkung stark beschädigt; sie
wurden mangels Materials nicht
ausgebessert. Hohe sommerliche
Temperaturen 1945 trugen dazu bei, dass die Sterberate im Juli hoch
anstieg.
Übrigens saßen in dem
Gefängnis Schießstange auch der gefangen genommene Gauleiter der Stadt
Danzig, Albert Forster ein, und Bischof Karl Splett, der hier verurteilt
wurde.
Das Thema dieses Buches bereitet besondere Schwierigkeiten wegen
„der Last der Realität“, die fast zu erdrückend ist, um sie zu
schultern, wie Czeslaw Milosz sagt.
Abschließend sei noch vermerkt, dass der Autor Waldemar Kowalski in
seinem Buch nicht versucht hat, eine Abrechnung (oder Aufrechnung der
Schuld) vorzunehmen. Es ist vielmehr „ein trauerndes Requiem“, als
das es dienen möchte, in der Niederschrift und in der mitfühlenden
Erinnerung an die Opfer. Aber auch eine Erinnerung an eine Welt, die
zusammen mit dem Ende des großen Krieges für immer – hoffentlich –
abgetreten ist.
Eine Erinnerung der
Menschen an ihre Nächsten, die ihre Väter, Söhne, Ehemänner hier
verloren haben. Und mit dieser mitfühlenden Erinnerung wurden die
vergangenen Gestalten gerettet. Unter ihnen Alfons Wittrin.
Barbara Heibutzki
Nachschrift: Falls einer
unserer Leser ebenfalls jemanden sucht, kann er Einblick in die
Todeslisten nehmen; bitte melden bei Günther Wittrin, dem das Buch
vorliegt. |